Fremdschämer

Ich bin zutiefst betroffen von den Geschehnissen der letzten Tage in meiner Heimat. Damit meine ich diese Typen, denen bestimmt egal ist, dass kleine kambodschanische Mädchen ihre T-Shirts handgenäht haben, auf denen dann hässliche Sprüche und Zeichen prangen und die  gern ihre Mitbürger für all ihr vermeintliches Unglück verantwortlich machen, nur weil sie eine andere Hautfarbe haben und das mit dem sächsischen Dialekt noch nicht ganz so draufhaben. Dafür schäme ich mich fremd. Das möchte ich an dieser Stelle ausdrücklich betonen. Und auch ein vermeintlich witzig gemeintes „Warum macht IHR so was?“ von Kollegen kann ich nicht witzig finden.

Und ich finde es traurig, was  die Medien in den letzten Tagen für ein trauriges Bild von meiner Heimat, dem ganzen Sachsenländle und den neuen Bundesländern im allgemeinen zeichnen. Traurig vor allem, weil ich nicht einschätzen kann, ob ich meine Heimatbesuche nicht mit der rosaroten Brille verbringe. Jedenfalls ist mir weder in meinem Heimatdorf, dem nächsten Städtchen und auch in Dresden in den letzten Jahren nie ein glatzköpfiger, angsteinflößender Mensch begegnet – und ich kriege generell schnell vor Menschen Angst und beobachte auch sehr gerne die Menschen in meiner Umgebung. Oder gibt es da neue Erkennungsmerkmale? Oder sprechen mich meine mir nahestehenden Menschen nicht auf eventuelle Schuldzuweisungen gegenüber Nichtdeutschen an, weil sie insgeheim Angst haben, ich würde mich hier in Köln in multikulturellen, vielleicht militant eingestellten Kreisen bewegen?

Wenn man diversen großen Onlinemedien glauben darf, dann müssen Menschen mit einem dunkleren Teint in den neuen Bundesländern in Todesangst leben und jeden Moment damit rechnen, ein brennendes Geschoss übergebraten zu kriegen. Und sicherlich kommen ausländerfeindliche Übergriffe erschreckend oft und vorwiegend im Osten vor, sie sind aber ganz bestimmt nicht überall und immer an der Tagesordnung. Ich denke da nur mal an den netten vietnamesischen Obstladen in Nossen, was ja sicherlich mit zum angeprangerten Gefahrengebiet gehört.  Und wenn man ein Interview mit dem mittlerweile versteckt lebenden Opfer führt, muss man ja nicht unbedingt gerade in der ersten Zeile erwähnen, wo man sich getroffen hat, auch wenn der Name der fast einzigen Kneipe in Döbeln, die bei jungen Menschen  beliebt ist, wirklich sehr nett klingt. Ist ja nicht so, als sei die fast einzige Kneipe im Ort nicht über die Stadtgrenzen von Döbeln hinaus bekannt.

Genauso dämlich finde ich die täppischen Versuche des Mügelner Bürgermeisters, den Ruf seines in den Schmutz getretenen Städtchens zu retten. Wenn man erst jeglichen Rechtsradikalismus im Ort vehement bestreitet und zwei Tage später laut tönt, dass ausländerfeindliche Parolen doch heutzutage üblich sind und doch wirklich nicht ernst zu nehmen und wer-behauptet-noch-nie-so-einen-spruch-gehört-zu-haben-der-lügt, dann möchte ich  dem Herrn gerne mal zu einem Stadtbummel durch Köln-Mülheim mitnehmen und ihm zeigen, wie normal woanders in Deutschland mit einer multikulturellen Gesellschaft umgegangen wird und wie viel Spaß das machen kann.

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