Hoi An – Mui Ne – Saigon – Can Tho

Seit dem letzten Eintrag habe ich ordentlich aufzuholen – wir haben so viel erlebt seit Hue, und ich habe mich vom süßen Nichtstun einfach mal treiben lassen. Wobei – als Nichtstun kann man die vergangene Woche auch nicht bezeichnen.

Die nächste Station auf unserer Fahrt in den Süden war Hoi An – ein beschauliches Fischerstädtchen, in dem einen in jeder Gasse ein Hauch Geschichte umweht. Neben der Fischerei hat sich in Hoi An vor allem das Schneiderhandwerk einen Namen gemacht, und tausende tapfere Schneiderlein erfüllen tagaus-tagein die vielen maßgeschneiderten Wünsche der Touristen. Und so kam es, dass auch wir bei einem der Schneiderstuben drei Tage lang Dauergast waren. Nun befinden sich drei – für den europäischen Modemarkt eher ungewöhnliche – etwas weiter geschnittene Herrenhosen im Gepäck und somit in Thomas‘ Hosenrepertoire.

Neben den Schneidereien bietet Hoi An aber weitaus mehr – okay, Schmuck-, Schuh- und Accessoire-Geschäfte (die ich dafür unsicher gemacht habe), doch ist alles eingebettet in ein sehr malerisches Gassenensemble, das den Titel UNESCO-Weltkulturerbe tragen darf. Den nahe gelegenen Strand haben wir per Fahrrad erkundet und sind dabei mal wieder ein bisschen durch die Dörfer gestreift.

An dieser Stelle ein kurzer Exkurs zu den Menschen in Vietnam. Auf dem Hinflug habe ich gelesen, dass die Einwohnerzahl in etwa der von Deutschland entspricht, die Bevölkerungspyramide jedoch komplett umgekehrt ist. Während Deutschland vergreist, wird Vietnam immer jünger. Und tatsächlich trifft man immer auf Heerscharen von Kindern, die fröhlich die etwas komisch aussehenden Fremden begrüßen und die dem Alter entsprechenden „Englischkenntnisse“ krähen. Das beginnt beim Winken, geht weiter über „Hello“ und „What’s your name“ und endet beim aufgeregt aufgesagten „My name is…“ im Schulkindalter. Sehr goldig sind diese ‚Gespräche‘ und wirklich überall anwendbar.

Nach zwei Tagen Hoi An waren wir dann reif für die Insel – oder besser gesagt für den Strand – und sind demzufolge weitergereist nach Mui Ne, dem Wind- und Kitesurferparadies. Wieder verbrachten wir die Nacht im Sleeper-Bus, entschieden uns dieses Mal für die etwas höhere Preisklasse und machten dabei die Erfahrung, dass betuchtere Touristen den Kakerlaken und Flöhen besser schmecken. Nach einer dreistündigen Zwangspause im ‚Nizza Vienams‘ Nha Trang mit tollem Morgenspaziergang an der schicken Uferpromenade erreichten wir Mui Ne am frühen Nachmittag. Die kommenden 2 1/2 Tage bestimmten Meeresrauschen, Frühstück, Liegestuhl, Baden, Lesen, Eiskaffee und Seafood-BBQ unseren Tagesablauf. Netterweise war unser kleines Resort eine Oase inmitten der auf russische Kundschaft ausgerichteten Kleinstadt. In Mui Ne weht ganzjährig eine kräftige bis stürmische Brise, die vor ein paar Wochen wohl der Küstenlinie und damit auch der halben Liegewiese unseres Resorts zum Verhängnis wurde: Unser Bungalow war also erst seit kurzem ein Seaview-Bungalow geworden. Vor diesem Hintergrund las Thomas Terry Pratchetts „Die Insel“, deren Rahmenhandlung ein alles vernichtender Tsunami ist, mit ganz anderem Abenteuerfaktor. Uns gegenüber zeigte sich das Chinesische Meer zwar rauh – aber immerhin harmlos.

Die rote Dünenlandschaft rings um Mui Ne haben wir wieder mit dem Motorroller erkundet. Wenn die Vermieter wüssten, welche Abenteuer ihre Gefährte mit uns erleben – sie würden sie uns wohl nicht so ohne weiteres anvertrauen. Andererseits – wenn ich mir hier gerade anschaue, wie viele Fahrgäste sich ohne Widerworte von dieser herrischen Gouvernante in einen ohnehin schon völlig überfüllten Minibus auf Höckerchen im Gang quetschen lassen… aber ich will den Ereignissen nicht vorgreifen.

Leider sind auch unsere drei Wochen nicht unendlich, und die Zeit drängte zu sehr, als dass wir uns hätten ans Kitesurfen Wagen können. Obwohl – verlockend sah das schon aus, wie die vielen Kiter scheinbar mühelos, zweifelsohne geübt und offenbar mit Riesenspaß über die Wellen hüpften. Aber wie gesagt, unsere nächste Station stand uns bevor: ein Zwischenstopp in Saigon, um von dort aus zum Mekongdelta weiterzureisen. Saigon ist vorrangig groß, laut und vollgestopft mit den typischen Dreadlocks-Sonnenbrand-Backpackertouristen. Da aber das letzte Highlight schon mit Mangoduft und drachenfruchtpink-leuchtend lockte, reisten wir nach einer Nacht im Himmel (so fühlten wir uns nach dem Aufstieg in unser Hostelzimmer im 7. Stock) direkt weiter nach Can Tho, der größten Stadt im Mekong-Delta.

Und damit bin ich mit dem Reisebericht wieder fast in der Gegenwart angekommen. Rückblickend auf den ersten Teil unserer Tour durchs Delta sind wir froh, uns nicht für eine der zahllos in Saigon angebotenen, komplett durchorganisierten Zwei- oder Dreitagestouren entschieden haben. Dazu gibt es genügend Busorganisationen und Hotels in den Städten, die sich über Individualisten freuen. Von Can Tho aus kann man sich ein Boot nehmen und die Schwimmenden Märkte besuchen. Diese Tour bescherte uns das erste Mal Aufstehen vor dem ersten Hahnenschrei in Vietnam. 5:30 Uhr holte uns Hung, unsere Bootsführerin, mit Frühstück am Hotel ab. Eiskaffee-schlürfend und Bananen verspeisend starteten wir. Sämtliche Boote für diesen Ausflug werden traditionell per Hand gerudert, verfügen jedoch alle über einen Außenbordmotor. Der von Hung war nicht der Schnellste – wir fühlten uns ein bisschen wie die mittelspur-liebenden Sonntagsfahrer auf deutschen Autobahnen, an denen links und rechts alle vorüber rauschen. Unserem Fotografieren kam das natürlich sehr gelegen, und Hung wusste sich die Zeit auch sehr gut zu vertreiben. Wenn sie uns nicht gerade Ananas oder Pomelo schnitzen oder uns mit knusprigem Reiskräckerbrot füttern konnte, präsentierte sie uns ihre ausgereiften Origamikünste. Geschmückt wie die Pfingstochsen und beschenkt mit diversen Niedlichkeiten schipperten wir über den Mekong und seine Nebenstraßen. Neben einem Großmarkt besuchten wir auch einen kleineren Markt für den Endverbraucher. Jedes Boot zeigt mit langen Fahnenstangen, an denen Möhren, Rüben, Süßkartoffeln, Ananas, Wassermelonen und anderes Erntegut hängen, die angebotenen Waren an. Eines der Ananasboote hätte ich am liebsten gekapert!
Neben den Schwimmenden Märkten stand auch etwas handwerkliche Fortbildung auf dem Programm, und so lernte ich in einem kleinen Familienbetrieb mit Vollbeschäftigung den Produktionsschritt, wie man aus gemahlener Reispampe auf einem übergroßen Crepes-Backeisen Reispapier herstellt, das zu Reisnudeln weiterverarbeitet wird. Und zum Mittagessen ließen wir uns in einem kleinen Dorf bekochen, wo uns als Nachtisch Früchte, die selbst mir als Obstfanatikerin fremd waren, direkt in den Mund gesteckt wurden.

Ein kulinarisches Highlight der besonderen Art erlebten wir beim Abendessen in Can Tho. Da gab es in den Restaurants an der Uferpromenade BBQ zum Selbermachen: Man bekommt einen großen Blumentopf mit glühender Grillkohle auf den Tisch gestellt und dazu das Grillgut, das man bestellt hat. Und fertig ist das Grillvergnügen! Mein Vergnügen bestand am ersten Abend vorrangig darin, meinen Fischlis beim Sterben zuzusehen, denn die armen Kerlchen fingen an zu röcheln, noch bevor ich sie dem Höllenfeuer anvertraut hatte. Am liebsten wäre ich bei dem Anblick augenblicklich zum Vegetarier geworden – doch meine robuste Landnatur und ein recht rationalistischer Begriff der Nahrungskette ließen mich am zweiten Abend zum Beef greifen. Die kleinen Fleischstückchen verhielten sich dann auch artig und ruhig und schmeckten ausgezeichnet. Nebenbei hatten wir dann gestern Abend noch das Vergnügen, uns mit einem sturzbetrunkenen Engländer zu unterhalten, der mehrfach fast vom Stuhl fiel und entweder ein Hochstapler oder einer der größten Seafood-Unternehmer Südostasiens ist. Wie auch immer, er war recht unterhaltsam.

Nun zurück zur Gouvernante und dem übervollen Minibus, der uns nach Sa Dec bringen sollte: Es hätte uns schon stutzig machen müssen, dass sie uns zwar den Fahrpreis auf dem Ticket zeigte, wir aber trotz mehrmaligem Nachfragen die Einzigen waren, die das Ticket nicht bekamen. Und dass alle Kerlchen, die ihr die Fahrgäste auf dem Busbahnhof einsammelten und ihr wie die Opferlämmer zur Schlachtbank brachten, noch bevor sie sich an einem Schalter erkundigen konnten. Und dass sie den verhalten protestierenden Zusammengepferchten in herrischem Ton und mit Fingerzeig auf uns Befehle erteilte. Die Erleuchtung kam uns dann auf halber Strecke, als plötzlich ihr Schrei „Sa Dec“ durch den Bus tönte und wir uns auf der Straße wiederfanden. Das Einzige, was an Sa Dec erinnerte, war ein Schild, das sich letztlich als Bushaltestelle für den Linienbus nach Sa Dec herausstellte. Die Betrügerin half dem Busfahrer höchstpersönlich, das nicht uns gehörende Gepäck wieder in den Bus zu werfen, und so befanden wir uns in der aufgewirbelten Staubspur, sahen den Rücklichtern des Busses nach und wurden von den hilfsbereit anhaltenden Mopedfahrern angeschaut, als hätten wir ihnen eröffnet, nach Berlin trampen zu wollen.

Wie es aber immer ist, wurde am Ende alles gut, und wir sind gut und letztenendes schneller als befürchtet in Sa Dec angekommen. Jetzt schauen wir mal, wo sich hier die laut Reiseführer versprochene Perle versteckt und stürzen uns ins quirlige Getümmel des Ortes.

Bis demnächst und viele Grüße,
Thomas & Kathleen

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Hue: Hui, die Sonne kommt

Seit der Ankunft in Hue begleitet uns nun allerschönstes Urlaubswetter. Nach einer wirklich sehr erholsamen Nacht im Schlafbus waren wir auch prompt fit für Besichtigungstouren. Keine fünf Minuten im Hotel, schon hatten wir den Guide – nennen wir ihn Huong (wir haben uns seinen Namen nicht gemerkt, aber mit Houng liegt man generell zu 70 bis 80 Prozent richtig) – samt Schwester und Mopeds gebucht.

Hue steht ganz im Zeichen kaiserlicher Geschichte: Sämtliche Generationen residierten in der Stadt, und im beschaulichen, hügeligen und sehr grünen Umland suchte sich jeder Kaiser sein Lieblingsplätzchen für die ewige Ruhe bzw. den noch erlebten Lebensabend. Entstanden sind dabei wunderschöne Parkanlagen – trotz gleicher Gestaltungselemente (eine Wacharmee von Figuren, eine Gedenktafel mit den niedergeschriebenen Heldentafeln, Tempel) hat jede Anlage ihren eigenen Charakter. Der kleinwüchsige Poet mit seinen über 300 Frauen hat sich einen romantischen Park mit großen Wohnanlagen bauen lassen, seine Memoiren höchstselbst formuliert und die Betonwachen seinen Proportionen entsprechend klein gestalten lassen. Der hedonistische, als Marionette der französischen Besatzer bekannte Kaiser der 1920er hat sich eine Mischung aus Versailles und Jugendstilhaus für seine rauschenden Feste errichtet.

Neben drei solcher Grabanlagen stand noch eine Pagode auf dem Programm, bei der wir einen buddhistischen ‚Gottesdienst‘ erleben durften.

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Nach diesem vollgepackten Tag ohne richtiges Frühstück und Mittagessen führten uns unsere hungrigen Mägen zum ersten kulinarischen Fehlgriff unseres Urlaubs. Geblendet von einer sehr hübschen, von Goldfischteichen geschmückten Bar und verlockend klingenden Gerichten auf der Karte, erlebten wir unerwartet eine Überraschung nach der nächsten. Mein Zitronensaft war eine heiße Zitrone mit undefinierbarer Gelee-Einlage und Gewürzen, die nach Apfelstielen und Mottenkugel aussahen. Sämtliche Gerichte bestanden aus einer fleischigen Mischung, die mit einem Zitronengrasstängel wie ein Hühnerbein gestaltet war. Und dann war wohl noch ein kalt gewordenes Tofugericht an den Mann zu bringen, das wir beharrlich statt unserer Bestellung und trotz Verweigerung immer wieder zurück bekamen. Um beim zweiten Abendessen im nächsten Restaurant auf keinen Fall wieder hungrig zu bleiben, gönnte Thomas sich dann erst mal schön Ente und als Nachtisch einen Riesen-Pancake. Bis auf dieses einmalige Ausnahmeerlebnis leben wir hier kulinarisch aber auf ganz ausgezeichnetem Level.

Der zweite Hue-Tag, zwecks Weiterreise nach dem Mittag nur ein halber, war der innerstädtischen Kaiserresidenz gewidmet. Die ‚Verbotene Stadt‘ ist eine Stadt in der Stadt in der Zitadelle, also doppelt mit Mauern geschützt. Von der Anlage sind zum großen Teil nur noch Ruinen und Grundmauern erhalten, da haben Witterung und die Bombardierung durch die Amerikaner ihre Spuren hinterlassen.

Gegen eins war es dann Zeit für den Mittagsschlaf – die lustigen Schlafbusse werden wohl ausnahmslos und auch für kürzere Strecken eingesetzt. Nach Hue und einer vierstündigen Busfahrt stand Hoi An auf dem Programm. Dazu aber demnächst mehr. Zuerst einmal müssen Eindrücke und Einkäufe – Hoi An ist DAS Shoppingparadies schlechthin – verstaut werden.

Das grünste Grün

Noch ganz zerzaust sitzen wir in der Hotellobby unserer Bleibe der letzten beiden Tage und lassen unsere Eindrücke Revue passieren.

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Mit dem Moped haben wir nun nahezu jeden Winkel der trockenen Ha Long Bucht durchstreift. Wie in der gleichnamigen Bucht an der Nordküste ragen tausende Steinkegel in die Landschaft, nur anstelle des Meeres wogen sattgrüne Reisfelder und ein Labyrinth von mehr oder weniger befahrbaren Wegen drum herum. Mangels einer vernünftigen Karte haben wir ausnahmslos jeden dieser Wege erkundet, und die Herzlichkeit der Dorfbewohner stieg mit der Abgelegenheit der Gegenden. Da die Wege im Grunde Dämme durch das Seen- und Sumpfgebiet sind und nicht selten nichts als Zufahrten auf einsame Bauernhöfe, mussten wir halt ab und zu umdrehen. Grandios war der Augenblick, als uns eine ältere Dame mit ihrem Bötchen über einen dieser Kanäle übersetzen wollte und stur behauptete, das Moped sei überhaupt kein Problem. Ihr Mann dagegen fiel ihr in den Rücken und erklärte mir mit Händen und Füßen, dass der Weg zurück auf den rechten Weg recht lang sei. Alles in allem haben wir auf unseren Touren hautnah das ursprüngliche Vietnam kennengelernt, was ein wohltuender Gegensatz zur hektischen Touristenhochburg und Großbaustelle Ninh Binh war.

Heute konnten wir übrigens zum ersten Mal Bekanntschaft mit der Sonne machen! Der Norden ist – wie schon erwähnt – sowieso kühler, aber Berichte anderer Reisender von tagelangem Dauerregen und andauernder Kälte hatten uns schon Angst gemacht. Umso erfreulicher war das allerschönste Fotowetter heute.

Hier in Vietnam kommt man recht schnell mit einer düsteren Legende in Berührung, die man sowieso nicht glaubt oder eigentlich eher in unkultivierten Ecken Chinas vermuten würde: Man kann in Vietnam Hund essen. Und das ist nicht etwa verborgen und unter Ausschluss der Öffentlichkeit möglich – nein, in Hanoi gab’s den besten Freund des Menschen am Stück gebacken. Zuerst staunte ich ja kurz, wie die bei dem Spanferkel den Ringelschwanz gerade bekommen haben, aber dann kam die Erkenntnis mit Entsetzen. Und hier in Ninh Binh steht Hund auch ab und zu auf den Werbetafeln der Restaurants. Wo ich sonst recht schmerzfrei im Entdecken von Neuem bin, könnte ich wohl nicht ruhig sitzen bleiben, wenn jemand neben mir ein Stück Bello verspeist. Womit man allerdings nie etwas falsch machen kann und das hier in Vietnam so verbreitet ist wie Brötchen beim Bäcker in Deutschland, ist Pho Bo, eine Nudelsuppe mit Rindfleisch. Das gab’s grad eben wieder, um ohne Magenknurren die 12 Stunden Sleepers-Bus-Tour über die Runden zu kriegen.

Morgen werden wir dann den Tag in Hue willkommen heißen – schenkt man dem Namen des Flusses Glauben, der durch Hue fließt werden wir die nächsten Tage berauscht verbringen – am Fluss der Wohlgerüche. Bis dahin – tam biėt und liebe Grüße!